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Jul 05

Jochen Jung über Selfpublishing und Verlage – Ein Missverständnis

Jochen Jung, der Verleger des Jung & Jung Verlags, hat in einem Gastbeitrag auf boersenblatt.net ein paar Überlegungen zum Thema Selfpublishing und Verlage aufgeschrieben. Man könnte ihn jetzt angesichts von Aussagen wie

“Man fragt gar nicht erst lang und setzt seinen Text gleich wie eine Spinne ins Netz und wartet auf Kundschaft. Hat man ihn richtig platziert, sind die Chancen vermutlich ähnlich hoch, wie sie sind, wenn man einem gestandenen Literaturverlag ein Manuskript anbietet, und die liegen bekanntlich bei ein bis zwei Promille.”

als das vergangengeglaubte Selfpublisher-Bashing eines Verlegers der alten Schule abtun. Aber vielleicht lohnt der Text doch eine Auseinandersetzung.

Mich überrascht nämlich, wie defensiv der Beitrag von Jochen Jung ist. Wenn ich seine Argumente auf ihren Kern reduziere, komme ich auf folgende Struktur:

1. Selfpublishing ist nichts anderes als Eigenverlag, die Texte sind zu über 99% Müll, den ein gestandener Literaturverlag nicht mit der Kneifzange anfassen würde.

-> Geschenkt. Die wenigsten Autoren schreiben ja auch um den Nobelpreis oder zumindest den Deutschen Buchpreis mit. Es ist schade, dass Jung hier nicht über seinen eigenen Horizont hinausdenkt. Bei Unterhaltungstiteln oder Sachbüchern zu Spezialthemen sieht die Geschichte schon ganz anders aus. Von der überflüssigen Geringschätzung gegenüber den Autoren ganz zu schweigen.

2. Self-Publishing macht nur Sinn, wenn man nicht über seine eigene Community hinausschaut und macht nur Sinn für “genregebundene Spontan-Unterhaltung”.

-> Abgesehen davon, dass Jung hier knapp die Hälfte der Taschenbuchprogramme der Publikumsverlage beschreibt und Heyne oder Knaur sicherlich gerne zugreifen, wenn sich ein Autor durch Eigenveröffentlichungen einen Namen macht statt durch die große Manuskriptverschickung fallen mir auch noch anderer Bereiche ein, die es wert sind, veröffentlicht zu werden. Auch wenn die Leserschaft für Lyrik, Essays oder bestimmte technische oder wirtschaftliche Ratgeber so gering ist, dass sie in den Verlagsprogrammen kaum Platz finden, heißt das ja nicht, dass sie nicht veröffentlicht werden sollten. Ob Lyrik jetzt unter Spontan-Unterhaltung fällt, darf jeder selbst entscheiden.

3. Anspruchsvolle Literatur braucht die Erfahrung und Kompetenz eines Verlages, aber auch seinen Zugang zu den professionellen Gatekeepern.

-> Da ist was dran. Ich würde, wenn ich auf Augenhöhe mit Günter Grass, Herta Müller oder auch nur Uwe Tellkamp schreiben wollte, auf einen Verlag nicht verzichten wollen. Aber sein wir doch ehrlich, von einem wie großen Teil der veröffentlichten Bücher reden wir hier? Jochen Jung erscheint mir hier unglaublich defensiv, als ginge es darum, für Verlage eine Nische zu definieren, in der sie noch überleben können. Und was ist die Besonderheit der Verlage? Sie bieten Zugang zum Feuilleton, das die Unterscheidung zwischen E und U ausmacht und zusammen mit den Verlagen ein Kartell bildet, das entscheidet, was Literatur ist und was aus dem Raster fällt.

Fazit: Je öfter ich Jungs Gastspiel lese, desto mehr komme ich zu dem Ergebnis, dass die Autoren, die doch bitte zum Verlag gehen sollen, gar nicht seine Zielgruppe sind. Was ich lese ist ein Appell an die Verlage, sich auf ihre Kernkompetenzen zurückzuziehen, hohe Literatur zu produzieren, als klassische Verlage den Dialog mit dem Feuilleton zu pflegen und ein gebildetes Publikum anzupeilen. Das mögen Dinge sein, die für Jung & Jung gut funktionieren mögen und der Verlag ist ja auch für gute Bücher bekannt. Aber sie taugen wohl kaum als Blaupause für die Branche. Bei Random House dürfte man andere Vorstellungen von der Zukunft haben. Und ob er den Autoren mehr mitteilt, als dass da ein Verleger Selfpublishing doof findet - ich wage es zu bezweifeln! Ob das die Absicht seines Beitrags war?

 

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