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Jun 29

Hörbuch-Überblick der letzten Wochen

Nachdem ich die letzten Monate anderes um die Ohren hatte und ich auch die Bekanntgabe der Preisträger des Deutschen Hörbuchpreises unkommentiert gelassen habe, hier eine kleine Hörbuch-Rundschau der letzten Wochen:

Vercors, Das Schweigen des Meeres (2 CDs)
gelesen von Hans Korte, Diogenes 2012

Hans Korte liefert wieder einmal eine tadellose Leistung ab, aber die Geschichte um einen deutschen Offizier, der im besetzten Frankreich im Haus eines Bauern und seiner Tochter Quartier nimmt, hat mich einigermaßen ratlos zurückgelassen. Es erscheint mir zu naheliegend, die Erzählung des ehemaligen Resistance-Kämpfers Vercors auf die Geschichte vom guten Deutschen zu reduzieren, der sich in seiner Liebe zu Frankreich in Illusionen über die deutsche Besatzung verfängt und am Ende daran zerbricht, dass alle anderen Deutschen Verbrecher sind. Die Träume Werner von Ebrennacs erscheinen im Rückblick allzu naiv – es scheint weniger darum zu gehen, dass nicht alle Deutschen schlecht seien als vielmehr darum, dass sie nicht wahrhaben wollten, welche Verbrechen ihr Volk gerade beging. Dass ich immer noch darüber nachdenke zeigt, dass die Geschichte mich nicht losläßt – auch ein Verdienst Hans Kortes, dessen Lesung einen beiläufigen Konsum verhindert.

Das Hörbuch gibt es in der netten Buchhandlung um die Ecke, zumindest auf Bestellung. Und wer dort wirklich nicht hin will, kann auch bei Amazon bestellen.

Robert Harris – Angst (6 CDs)
gelesen von Hannes Jaenicke, Random House Audio 2011

Nach den wohlwollenden Rezensionen von Harris’ Finanzmarkt-Thriller hatte ich befürchtet, dass die Stimme von Hannes Jaenicke mir das Hörvergnügen verleiden könnte. Die gute Nachricht ist: Jaenicke liest sehr gut, drängt sich nicht in den Vordergrund und trifft den richtigen Rhythmus, den richtigen Ton. Die schlechte Nachricht ist: Ich fand das Hörbuch nicht spannend. Interessant war noch das Setting im globalisierten Finanzkapitalismus. Dass künstliche Intelligenz sich selbständig macht hingegen ist spätestens seit Kubricks 2001 ein Science-Fiction Gemeinplatz und wurde z.B. in Neuromancer interessanter interpretiert. Ob das Buch mehr Tiefe zu bieten hat und die gleichzeitig langatmige und doch oberflächlich wirkende Handlung ein Ergebnis der Kürzungen für die Hörbuchfassung ist, kann ich leider nicht beurteilen. Enttäuschend.

Das Hörbuch gibt es in der netten Buchhandlung um die Ecke, zumindest auf Bestellung. Und wer dort wirklich nicht hin will, kann auch bei Amazon bestellen.

Erin Morgenstern – Der Nachtzirkus (11 CDs)
gelesen von Matthias Brandt, Hörbuch Hamburg 2012

Für mich die positive Überraschung dieses Frühjahrs. Eigentlich hatte ich mir von dieser Fantasy-Story um zwei Zauberer, die ihre Schüler in einem Zirkus ein geheimes Duell austragen lassen, nicht mehr als klischeebehaftete, auf die Tränendrüsen zielende Mainstreamkost erwartet. Umso überraschter war ich, eine romantische, stilvolle Geschichte zu hören, die über die ganze Dauer sehr unterhatlsam war. Obwohl auf Kürzungen verzichtet wurde, gab es keine Längen in der Erzählung´.
Als i-Tüpfelchen liefert Matthias Brandt als Sprecher eine perfekte Leistung ab. Es gelingt ihm, jeden Stimmungs- und Schauplatzwechsel ganz natürlich wirken zu lassen und er klopft damit sicherlich auch beim Deutschen Hörbuchpreis an. Allein wegen seiner grandiosen Interpretation ist Der Nachtzirkus uneingeschränkt hörenswert.

Das Hörbuch gibt es in der netten Buchhandlung um die Ecke, zumindest auf Bestellung. Und wer dort wirklich nicht hin will, kann auch bei Amazon bestellen.

Stephen King – Der Anschlag (4 MP3-CDs)
gelesen von David Nathan, Random House Audio 2012

Stephen Kings Zeitreise-Geschichte um einen Englischlehrer, der das Attentat auf Kennedy verhindern will, ist weniger ein Spannungsroman als ein Ausflug in eine Version der 60er Jahre, als Präsident Kennedy für die Möglichkeit stand, dass die USA ein besseres Land werden als sie nach Meinung des Autors heute sind. Der Anschlag scheint ist damit nicht zuletzt auch ein Gegenentwurf zu den dreckigen, amoralischen 60ern aus Ellroys Underworld USA-Trilogie. King überzeugt dabei mit sehr charmantem, detailliert recherchiertem Zeitkolorit, amüsanten Anspielungen für King-Insider wie beim Besuch des Protagonisten in Derry und einer spannenden Story, die auch über die ruhigeren Passagen trägt. Abgerundet wird das gelungene Hörbuch durch den Vortrag von David Nathan, dessen Stimme auch dann fesselt, wenn gerade nicht so viel geschieht.

Das Hörbuch gibt es in der netten Buchhandlung um die Ecke, zumindest auf Bestellung. Und wer dort wirklich nicht hin will, kann auch bei Amazon bestellen.

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