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Jan 27

“Konrad hieß der neue Adolf…”

In letzter Zeit denke ich immer wieder an Bayern. Das ist komisch, denn als Westfale war mir Bayern eigentlich mein Leben lang gleichgültig solange Borussia nichts mit der Meisterschaft zu tun hatte. Für Berge und Lederhosen habe ich mich eigentlich nie interessiert, Weißwürste noch nie probiert und bei meinem einzigen Besuch in München habe ich die Räume der Technischen Universität drei Tage lang nicht verlassen.
Man sieht also, meine innigste Verbindung zum Südosten Deutschlands sind meine Gegnerschaft zur CSU und das eine oder andere Hefeweizen, die ich an Sommerabenden in Biergärten am Landwehrkanal zu mir nehme. Und vielleicht tiefsitzende Traumata aus meiner Kindheit, als ich im Urlaub Karl Moik die Hand geben oder bei meinen Großeltern Volkstheater oder Heimatfilme mitgucken musste. Also, wenn ich’s ehrlich überlege, prägt ein tiefsitzender Hass mein Bayernbild.

Dass ich in letzter Zeit immer wieder an Bayern denken muss ist Josef Bierbichler zu verdanken. Dank seiner herausragenden Lesung seines Romans Mittelreich muss ich in den verschiedensten Situationen denken: Das ist ja so wie in einem bayerischen Dorf.
Josef Bierbichler kommt aus Bayern und man hört es seiner Lesung auch in jedem Moment an – auch wenn sein Bayerisch schon so weit entschärft ist, dass auch ein Norddeutscher den Text verstehen kann. Und er zeigt mit seinem herausragendem Roman Mittelreich, dass man Bayern nur dann mit der notwendigen Kraft verachten kann, wenn man alle Abgründe des dortigen Kleinbürgertums aus eigener Anschauung kennengelernt hat.
Bierbichlers Roman ist ein sperriges, kantiges Monstrum – eine Heimatchronik aus grobgeschnitztem Holz die das 20. Jahrhundert mit all seinen Schrecknissen, der ganz normalen Bigotterie der Provinzmittelschicht und den Lebenslügen der Dörfler umfasst. Als würde der Autor die Axt an den Ort seiner Kindheit legen und mit Wut auf alles einschlagen, was ihn in der Jugend gefesselt hat. Man zieht für Volk und Vaterland in den Krieg, will keine Juden in seiner Schenke, aber das mit den Lagern hat man auch gar nicht gewusst, obwohl man wohl mal Abgase in den Laderaum eines Versorgungslasters geleitet hat, sieht 1945 nicht als Bruch (‘Konrad hieß der neue Adolf’) und denkt, die neue NPD-Partei sei wie die alte C-Partei, nur besser. Doch es ist mehr als eine historische Chronik – Bierbichler beschreibt Situationen, die so oder ähnlich noch immer aktuell sind. In kaum einem Text der letzten Monate habe ich so viel über meine Gegenwart gehört wie in diesem.
Dass Bierbichler dabei jedem Charakter einen eigenen Tonfall gibt kommt aber erst in der Lesung richtig hervor. Man merkt, dass hier einer der besten Schauspieler Deutschlands einen Text vorträgt, der ihm nahe geht und von dessen Figuren er eine ganz genaue Vorstellung hat. Wenn es jemals ein Hörbuch gegeben hat, dass dem gedruckten Text noch überlegen ist, dann ist es dieses Werk von Bierbichler. Also volle Zustimmung, liebe Kritiker der hr2-Hörbuchbestenliste – ihr habt ein würdiges Hörbuch des Jahres 2011 ausgewählt.

Verlagsseite:  http://dav2.juni.com/details.php?catp=2000&p_id=1330

Hörprobe:

978-3-86231- 140-8 – J Bierbichler – Mittelreich Hörprobe Ich danke dem DAV für die Bereitstellung der Hörprobe. "978-3-86231- 140-8 – J Bierbichler – Mittelreich"

Und wenn ihr unbedingt online bestellen wollt, statt in die nette Buchhandlung um die Ecke zu gehen:

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