«

»

Jun 12

Überlegungen zum Aus von Hugendubel an der Tauentzienstraße

Heute morgen habe ich den Artikel der Berliner Morgenpost gelesen, dass Hugendubel seine Filiale an der Berliner Tauentzienstraße zum Jahresende schließen will. Das ist traurig, denn damit ist erstmal kein sichtbarer Buchhandel mehr an Berlins wichtigster Einkaufsstraße vorhanden. Aber es ist auch ein exemplarisches Zeichen dafür, dass der stationäre Buchhandel Probleme hat. Und einige dieser Probleme sind hausgemacht.

Die DBH, zu der Hugendubel gehört, war ja in den letzten Jahren besonders von der Krise gebeutelt. Nachdem das Unternehmen durch Fusion und Zukäufe zeitweilig zum größten Buchhändler Deutschlands geworden war ist es mittlerweile wieder auf den zweiten Platz hinter Thalia zurückgefallen.  Hugendubel hat sich von mehreren Standorten zurückgezogen, Kündigungen wurden ausgesprochen, Wohlthat wird aufgeteilt – die Filialen in Berlin und Potsdam werden verkauft, die anderen werden konzernintern an Jokers oder Weltbild weitergegeben. Nachdem mehrere Jahre lang kein anderes stationäres Buchhandelsunternehmen so schnell gewachsen ist, kommt jetzt also die Gegenbewegung – vielleicht auch, um dem Schicksal der amerikanischen Borders-Kette zu entgehen. Das Marktumfeld ist für die Filialisten sowieso schwierig. Auf der einen Seite der boomende Internethandel, der wohl auch den Großteil des eBook-Geschäfts an sich ziehen dürfte. Auf der anderen Seite differenziert sich der Buchmarkt immer weiter aus und auch wenn unabhängige Buchhandlungen jahrelang als aussterbende Gattung gesehen wurden, sind sie vielleicht beweglicher wenn es darum geht, sich zu spezialisieren und besondere Produktsegmente zu bedienen. Hugendubel hingegen erinnert mit seinem breiten Sortiment ein wenig an ein Karstadt-Warenhaus – alles unter einem Dach, doch niemand weiß, wofür die Marke wirklich steht.

Besonders deutlich wird im Haus an der Tauentzienstraße ein besonderes Problem der Großflächen in prominenten Lagen: Weil die Miete im Erdgeschoss besonders hoch ist, hat die Filiale ein kleines Erdgeschoss mit drei weiteren großen Obergeschossen. Wie bei Großflächen üblich wurde der Eingangsbereich jedoch für die Präsentation von Bestsellern sowie Sonderangeboten/Modernem Antiquariat genutzt. Die unordentlichen MA-Tische erweckten jedoch bei Passanten den Eindruck eines Ramschladens statt einer Vollsortimentsbuchhandlung. Obwohl das Sortiment im EG noch durch eine ordentliche Auswahl an Arthouse-DVDs ergänzt wird erinnert der Eingangsbereich eher an eine Jokers-Filiale als an eine Buchhandlung, die der Premium-Lage angemessen ist. Wie es besser geht zeigen Thalia am Alexanderplatz und Dussmann an der Friedrichstraße, die deutlich gediegener wirken.

Das Beispiel Hugendubel zeigt also mal wieder, dass ohne Strategie sowohl auf Unternehmens- als auch auf Ladenebene auch die beste Lage kein Garant für erfolgreiche Geschäfte ist. Bis Hugendubel ein neues, kleineres Geschäft an der Tauentzienstraße gefunden hat bleiben als Buchflächen erstmal nur das KaDeWe und Karstadt. Die sind zwar auch in der Hand der DBH, doch von außen nicht sichtbar – ob sie die Käufer der geschlossenen Filiale auffangen können, ist zweifelhaft. Wahrscheinlich dürften eher andere prominent gelegene Filialen – Hugendubel am Potsdamer Platz, Thalia am Alexanderplatz, Dussmann in der Friedrichstraße – profitieren.

Trotzdem sind sich die Mitarbeiter an der Tauentzienstraße ihrer Premium-Lage anscheinend durchaus bewußt. Eine Kundin, die bei mir heute einen leichten Frauenroman (von rororo, nicht von mira) kaufen wollte berichtete, man habe ihr an der Tauentzienstraße gesagt: “Den haben wir nicht, das passt nicht zu uns!” Zumindest ein Mitarbeiter hat also offensichtlich ein Konzept für die Filiale und eine genaue – wenn wohl auch falsche – Vorstellung von der Zielgruppe!

Bookmark/FavoritesEmailShare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>