«

»

Jun 28

Beyond Harry Potter there is …. Harry Potter

J.K. Rowling braucht ja bekanntlich nur zu Niesen und die halbe Branche beginnt darüber zu spekulieren, ob der achte Harry Potter-Band davon handelt, dass die Kinder von Harry und Ginny Schnupfen haben.  Dementsprechend waren auch die Spekulationen, als plötzlich die Webiste www.pottermore.com und ein mysteriöses Youtube-Video mit einem Countdown auftauchten. Mittlerweile ist es eine Woche her, dass das Geheimnis gelüftet wurde und während die Seite des Börsenblatts das Ergebnis ignoriert – die einzige Meldung bezieht sich auf den Countdown davor – wird beim Buchreport angeregt die Frage diskutiert, ob Rowling damit den kompletten Buchmarkt revolutioniert oder nicht.

Doch was ist Pottermore eigentlich? Lassen wir doch einfach J.K. Rowling zu Wort kommen:

Eine eigene Community diesen Umfangs aufzubauen macht nur Sinn, wenn man über eine außerordentlich starke Marke verfügt. Und Harry Potter ist sicherlich momentan die stärkste Marke auf dem Buchmarkt. Doch da Rowling gesagt hat, dass kein achter Band zu erwarten ist und die vielleicht effizienteste Marketingmaßnahme, die Filmreihe, mit dem achten Film in diesem Sommer zuende geht ist es nur folgerichtig, in die weitere Festigung der Marke zu investieren. Nur so – und durch regelmäßige neue Inhalte – können die Fans auf Dauer gebunden werden, bis es irgendwann Zeit geworden ist, mit einem neuen Buch als erstem Teil eines Potter-Spinoffs auf den Markt zu kommen. Im Prinzip orientiert sich die Strategie an den regelmäßigen kleinen Erweiterungen eines MMOs wie World of Warcraft oder Guild Wars, mit denen das Interesse der Spieler und die Kontinuität der Erzählung aufrechterhalten wird, bis sie das nächste Mal Geld für ein großes AddOn oder einen zweiten Teil ausgeben sollen.

Auch bis dahin kann natürlich Geld verdient werden und was dem MMO sein InGame-Shop, ist der Pottermore-Community der exklusive Vertrieb der digitalen Produkte. Hörbuch-Downloads und eBooks sollen ausschließlich über die Pottermore-Seite vertrieben werden – Amazon, Apple und der stationäre Buchhandel schauen in die Röhre. Offensichtlich ist es in Rowlings Kalkulation wichtiger, die Fans nachhaltig zu binden und eine höhere Gewinnspanne zu erzielen, als durch zusätzliche Vertriebswege ein paar Bücher mehr zu verkaufen. Die Rechnung könnte aufgehen, denn wenn die Leser den Shop annehmen dürfte das ganze eine hochprofitable Angelegenheit für die Autorin sein – weit jenseits der von Verlagsseite, aber auch von den großen Download-Portalen iBooks und Amazon angebotenen Anteilen.  Da die Verlage zumindest als Partner mit an Bord sein dürften – immerhin sollen die Downloads in verschiedenen Sprachen angeboten werden und Carlsen dürfte z.B. zumindest die Rechte an der deutschen Übersetzung halten – fühlen sich vor allem die Buchhändler übergangen. Wenigstens der Buchreport nimmt sich der Berichterstattung über Rowlings neuen Direktvertrieb an und informiert uns, dass die britische Kette Waterstone’s sehr verärgert reagiert. Überraschend kommt es jedoch nicht, war der stationäre Handel doch in den letzten Jahren nicht in der Lage ein Modell zu entwickeln, wie Hörbücher und eBooks ohne den lästigen Umweg über Datenträger und PC ihren Weg vom Laden auf die Lese- und Abspielgeräte der Kunden finden sollen.

Das Modell des direkten Vertriebs über eine eigene Community funktioniert für den Großteil des Buchmarktes natürlich nicht, aber trotzdem scheint Rowlings Initiative ein Zeichen dafür zu sein, dass sich die Regeln des Spieles ändern. Autoren, die über eine starke Marke verfügen können zukünftig darauf spekulkieren, das Digitalgeschäft ohne Zwischenhändler abzuwickeln. Zwar ist Harry Potter die mit Abstand stärkste Marke auf dem Buchmarkt, aber das Verfolgerfeld (John Grisham, Paulo Coelho, Dan Brown und Twilight, um einige zu nennen) scheint stark genug, Rowling auf diesem Weg zu folgen. Für den Handel bedeutet das, dass ein relevanter Teil des Bestseller-Geschäfts demnächst an ihm vorbeilaufen wird – mit bisher kaum überschaubaren Auswirkungen. Wenn dem so ist, müssen sich die Buchhandlungen ernsthaft Gedanken über ihre Geschäftsmodelle machen. Denn wie zitiert Holger Ehling so schön einen anonymen Verleger zum Thema eBooks: “Wir brauchen euch gar nicht, aber wir haben euch lieb!” Der Long Tail im Sinne von Nischen wird hier deutlich wichtiger werden und viel mehr Engagement und Gehirnschmalz erfordern, wenn sich ein relevanter Teil des Bestseller – und Backlistgeschäfts einfach aus dem stationären Handel verabschiedet.

Die deutsche Berichterstattung zu dem Thema ist jedenfalls bisher noch nicht zum Kern durchgekommen. Alle relevanten Zeitungen haben von Rowlings Plänen berichtet, aber weil Potter wohl zu wenig literarisch für’s Feuilleton und Buchhandel zu wenig Börsenorientiert für den Wirtschaftsteil ist bleibt es bei Meldungen im Unterhaltungsbereich über das neue Portal, die sich wie Werbetexte für Potterfans lesen. Manche Revolutionen kommen halt unbemerkt.

Bookmark/FavoritesEmailShare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>