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Dez 08

“Die Illusion der Exzellenz” in der Heinrich Böll Stiftung

Bild021Nach vielen Jahren der hochschulpolitischen Abstinenz habe ich mir gestern mal wieder eine Veranstaltung zum Thema Hochschulpolitik gegönnt, nämlich die Veranstaltung “Die Illusion der Exzellenz? Hochschulen unter Erwartungsdruck” in der Heinrich-Böll-Stiftung. Und wenn ich ehrlich bin, war es für mich einerseits erfreulich und andererseits ein relativ ernüchternder Abend.

Erfreulich insofern, als ich wieder einmal gemerkt habe, dass ich die Debatten auch vier Jahre nach meinem Abschluss und sechs Jahre nach meiner aktiven hochschulpolitischen Zeit immer noch nachvollziehen kann. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das auch der Grund meiner Ernüchterung. Denn offensichtlich haben sich die Debatten seit 2005 nicht wirklich weiterentwickelt. Die gleichen Gesichter vertreten die gleichen Thesen – mein “Freund” Detlef Müller-Böling ganz vorne weg.

Fassen wir einmal kurz zusammen: Mit der Einführung von Bachelor und Master-Systems und Modularisierung wurde das Studium straff durchorganisiert und damit quasi ganz nach den Erkenntnissen des Taylorismus “modernisiert”. Ebenso das Hochschulmanagement: Idealbild für Rektoren und Präsidenten war der CEO, der über seine Richtlinien- und Entscheidungskompetenz die Entwicklung der Hochschule steuert. Erster Hochschulchef neuer Prägung war vielleicht der langjährige Hamburger Uni-Präsident Jürgen Lüthje, ein aktuelles Beispiel der bisherige Chef der FU Berlin Dieter Lenzen, durch dessen Wechsel nach Hamburg sich damit quasi der Kreis schließt.

Das Problem mit diesem Ansatz ist, dass er mit einem Ideal der Messbarkeit und Kontrollierbarkeit von Bildung und Wissenschaft operiert, das nicht nur in der Realität nicht umsetzbar ist, sondern auch Kreativität und Innovation an der Basis im Keim ersticken muss, weil sie sich nicht in die entsprechenden Kennzahlen zur Leistungsmessung einpassen lassen. Das ist aus meiner Sicht auch die rationale Basis der momentanen Bildungsproteste, die von allen Protestierenden so empfunden wird, auch wenn die große Mehrheit sie vielleicht nicht präzise formulieren kann. Eine Generation, die mit den Freiheitsversprechen von Social Web, Wikis und Facebook sowie den Idealen Partizipation, Kooperation und Selbstorganisation aufwächst muss diesen anachronistische Kontrollwahn, der sie zu einem funktionierenden Rädchen im Bildungssystem degradiert statt ihre Potentiale zu nutzen, auch ohne zusammenhängende politische Theorie ablehnen, einfach weil er ihrer Lebenswelt radikal widerspricht. Diese Realitätsverleugnung an den Universitäten reicht von veralteten Strukturen bis hin zu professoralen Abwehrschlachten gegen Open Access.

Von alledem war nichts zu hören in der Diskussion. FAZ-Redakteur Jürgen Kaube wiederholte die Polemiken aus seinem Buch “Die Illusion der Exzellenz”, betonte, er wolle nicht zur Ordinarienuniversität zurück und fand ansonsten die ganze Reform schrecklich. Barbara Kehm brachte einige Fakten aus der Hochschulforschung und verlieh ihrem Unbehagen Ausdruck, indem sie eine gesellschaftliche Debatte über die Rolle der Hochschulen forderte. Und Detlef Müller-Böling spielte mal nicht den wirtschaftsliberalen Scharfmacher, sondern wiederholte nur immer wieder, die Reform sei erstens alternativlos gewesen und zweitens nicht überall richtig umgesetzt worden. Gedanken, die über den Stand der Diskussion vor 5 Jahren hinauswiesen? Fehlanzeige! Einzig der eingeladene Streikaktive Carsten Hoffmann konnte das Unbehagen nachvollziehbar formulieren, blieb aber zu nett und konnte damit den katastrophalen Zuständen im Bildungssystem keine nachdrückliche Aufmerksamkeit verschaffen.

Größter Lichtblick des Abends: Ich habe mit Jürgen Breiter von der Agentur für alltägliches Stadtleben “Wedding Windows” einen sehr netten, intelligenten und kompetenten Gesprächspartner kennengelernt. Auf diesem Wege nochmals herzliche Grüße!

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