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Mrz 29

Heimatlos in der Globalisierung

Ha Jins Einwandererroman “Ein freies Leben” handelt von der Mühsal der Freiheit

San Francisco 1989. Nan Wu und Pingping, ein junges Ehepaar aus China, wartet am Flughafen auf ihren Sohn Taotao. In China ist gerade die Studentenbewegung im Massaker auf dem Tian’anmen-Platz niedergeschlagen worden. Nan und Pingping wollen deshalb in den USA bleiben und sich gemeinsam mit ihrem Sohn ein neues, freies Leben aufbauen. Nan gibt sein Politikstudium auf, sie schlagen sich in Boston mit verschiedenen Jobs durch, erwerben ein Chinarestaurant bei Atlanta, integrieren sich und bleiben immer Fremde in dem Land, das sie jetzt Heimat nennen. Arbeit und Sicherheit stehen im Mittelpunkt ihres Lebens, auch wenn das heisst, ihre persönlichen Träume aufzugeben.

Auf über 600 Seiten erzählt Ha Jin die Geschichte der kleinen Einwandererfamilie. 10 Jahre erleben wir mit den Wus, ohne dass ihr Verhalten jemals konstruiert wirkt oder ihren Motiven an Plausibilität fehlt. Auch die irrationalen Handlungen sind in der Situation immer nachvollziehbar, die Wege der Familie sind nicht gradlinig und wir sehen normale Menschen, die Fehler machen, scheitern und sich wieder aufrappeln. Nicht alles ist hochdramatisch, aber lebendig und immer interessant.

Es ist erstaunlich, wie groß das Identifikationspotential mit Nan, dem Romantiker, der immer nach seinem Platz im Leben sucht und um sein Fortkommen und seine Träume kämpft, für einen 30jährigen Deutschen ohne Migrationshintergrund ist. Es ist als seien wir im Zeitalter des Internet und der Globalisierung, während die ganze Welt nur einen Klick entfernt ist, alle zu Heimatlosen geworden, die ihren Platz in der Welt suchen und dafür kämpfen müssen. Wir sind vielleicht freier als jede Generation vor uns, aber für viele von uns bedeutet ein freies Leben eben auch, sich selber durchsetzen zu müssen. Frei ist eben nicht unbedingt leicht. Von daher ist dies, trotz gelegentlicher Längen, ein zutiefst bewegendes Buch von Freiheit in der globalisierten westlichen Welt.

Ha Jin, Ein freies Leben, Ullstein 2009, 640 Seiten, € 24,90

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